Fundstück der Woche: Joseph und seine Brüder

Joseph und sei­ne Brü­der ist eine Roman-Tetra­lo­gie von Tho­mas Mann. Sie ist das umfang­reichs­te Roman­werk des Autors. Die vier Tei­le wur­den zwi­schen 1933 und 1943 ver­öf­fent­licht. Inspi­riert durch eine Paläs­ti­na­rei­se im Jahr 1925 begann Tho­mas Mann 1926 in Mün­chen mit der Nie­der­schrift. Die ers­ten bei­den Roma­ne konn­ten noch bei S. Fischer in Ber­lin erschei­nen. Abge­schlos­sen wur­de der Roman sech­zehn Jah­re spä­ter, 1943, im kali­for­ni­schen Exil.

Einbände der Erstausgaben
Ein­bän­de der Erst­aus­ga­ben

Die Tetra­lo­gie umfasst die Roma­ne:

  1. Die Geschich­ten Jaa­kobs (Ent­ste­hungs­zeit: Dezem­ber 1926 – Okto­ber 1930)
  2. Der jun­ge Joseph (Ent­ste­hungs­zeit: Janu­ar 1931 – Juni 1932)
  3. Joseph in Ägyp­ten (Ent­ste­hungs­zeit: Juli 1932 – 23. August 1936)
  4. Joseph der Ernäh­rer (Ent­ste­hungs­zeit: 10. August 1940 – 4. Janu­ar 1943).

Joseph und sei­ne Brü­der“ wur­de als novel­len­haf­te Aus­for­mu­lie­rung der bibli­schen Geschich­te von Jakobs (Tho­mas Mann schreibt „Jaa­kob“) Lieb­lings­sohn Joseph und des­sen Lebens­weg (Gene­sis 37–50) begon­nen. Die Anre­gung zu dem Werk schöpf­te Tho­mas Mann aus Johann Wolf­gang Goe­thes auto­bio­gra­fi­scher Schrift „Dich­tung und Wahr­heit“.

Tief ist der Brun­nen der Ver­gan­gen­heit.“ Mit die­sen Wor­ten beginnt das Vor­spiel der Tetra­lo­gie. Anhand der als Pro­phe­ten­ge­schich­ten bewahr­ten Mensch­heits­er­in­ne­run­gen nimmt Tho­mas Mann den Leser mit hin­ab zum Uran­fäng­li­chen und führt ihn anschlie­ßend hin­auf in die Regio­nen der gött­li­chen Schöp­fung.

Am Brun­nen und in der Nacht begin­nen Die Geschich­ten Jaa­kobs. Hier trifft der grei­se Jaa­kob den sieb­zehn­jäh­ri­gen Joseph, den Lieb­ling unter sei­nen zwölf Söh­nen. Vater Jaa­kob macht sich Sor­gen, ihn am Brun­nen­ab­grund zu fin­den und dazu halb nackt. Er fragt, war­um Joseph nicht bei sei­nen Brü­dern sei. Zu sei­nem Kum­mer muss er hören, dass sein Vor­zugs­kind von einem der Brü­der „Laf­fe und Hür­chen“ genannt wor­den ist. Der Bru­der­zwist, der im Ver­kauf des jun­gen Josephs nach Ägyp­ten gip­feln wird, hat begon­nen.

Die Begeg­nung von Vater und Sohn gibt den Anlass für einen umfas­sen­den Rück­blick auf Jaa­kobs Leben: Wir erfah­ren, wie er sei­nen um ein Weni­ges älte­ren Zwil­lings­bru­der Esau um den väter­li­chen Segen und somit das Erst­ge­burts­recht betrog. Den Zorn und die Rache des Bru­ders fürch­tend, flieht Jaa­kob nach Haran. Dort ver­dingt er sich bei sei­nem Onkel Laban und ver­liebt sich in des­sen Toch­ter Rahel. Als er um ihre Hand anhält, stellt ihm Laban die Bedin­gung, sie­ben Jah­re für ihn zu arbei­ten, bevor er als Lohn Rahel hei­ra­ten dür­fe. Als nach Ablauf die­ser Zeit end­lich Hoch­zeit gefei­ert wird, stellt sich für Jaa­kob am nächs­ten Mor­gen her­aus, dass Laban ihn betro­gen hat: Er hat­te ihm sei­ne älte­re Toch­ter Lea ver­schlei­ert zuge­führt. Noch ein­mal muss Jaa­kob sei­nem Onkel sie­ben Jah­re die­nen, damit er auch Rahel hei­ra­ten darf.

Wäh­rend die Söh­ne, die Jaa­kob mit Lea hat, her­an­wach­sen, bleibt Rahel unfrucht­bar. Wie einst die Magd Hagar dem Abra­ham einen Sohn gebar, so gebä­ren die Mäg­de Bil­ha und Sil­pa dem Jaa­kob Söh­ne. Zehn Kin­der hat er bereits, da bringt Rahel end­lich Joseph zur Welt, des schon hoch geal­ter­ten Jaa­kob lang erwünsch­tes Kind mit der „Rich­ti­gen“, end­lich den „rich­ti­gen“ Sohn: Joseph, auch Jaschup – was so viel heißt wie Meh­rung und Zunah­me. Als Hin­weis auf den Höchs­ten nen­nen die Eltern ihn auch Jeho­seph.

In den Jah­ren in Labans Diens­ten kommt Jaa­kob zu Reich­tum, kehrt nach Kana­an zurück und ver­söhnt sich mit Esau.

Der zwei­te Band "Der jun­ge Joseph" beschreibt die Eitel­kei­ten und das noch unbe­stimm­te Sen­dungs­be­wusst­sein des jun­gen, ver­wöhn­ten Joseph. Auf­grund des Has­ses, den er bei sei­nen Brü­dern genährt hat, wird er von die­sen an Händ­ler ver­kauft, die ihn nach Ägyp­ten mit­neh­men. Aus Joseph ist ein Skla­ve gewor­den.

Der Patri­arch Jaa­kob hät­schelt Joseph als sein Lieb­lings­kind. Im Gegen­zug hin­ter­bringt die­ser dem Vater die Mis­se­ta­ten sei­ner Halb­brü­der. Nur sei­nem Voll­bru­der Ben­ja­min, bei des­sen Geburt Jaa­kobs gro­ße Lie­be Rahel gestor­ben war, ist Joseph zuge­tan. Joseph schwatzt dem Vater ein wert­vol­les Gewand ab, wel­ches sein Erst­ge­burts­recht sym­bo­li­siert. Zwar ist Joseph nicht der Erst­ge­bo­re­ne, doch er ist das ers­te Kind von Rachel, der Frau, die von Jaa­kob über alles geliebt wur­de. Dann ver­kün­det er den Brü­dern mit viel Eigen­lie­be sei­ne hoch­fah­ren­den Träu­me. Deren Groll stei­gert sich so sehr, dass sie mit ihren Her­den in das ent­fern­te Sche­kem abzie­hen. Joseph wird ihnen vom Vater nach­ge­schickt in der stil­len Hoff­nung, es kom­me zu einer Aus­söh­nung der Brü­der. Als Joseph sich ihnen bei sei­ner Ankunft in dem kürz­lich erhal­te­nen Pracht­ge­wand prä­sen­tiert und vor­gibt, er kom­me im väter­li­chen Auf­trag, sie zu kon­trol­lie­ren, kön­nen die Brü­der ihre ange­sam­mel­te Wut nicht mehr unter­drü­cken. Sie fal­len alle­samt über ihn her und ver­prü­geln ihn, wer­fen ihn in eine tro­cke­ne Zis­ter­ne, las­sen ihn dort drei Tage schmach­ten und ver­kau­fen ihn am vier­ten Tage als Skla­ven an vor­bei­zie­hen­de ismaeli­ti­sche Händ­ler, deren Kara­wa­ne auf dem Weg nach Ägyp­ten ist.

Der drit­te Band, Joseph in Ägyp­ten, ist der umfang­reichs­te Roman der Tetra­lo­gie, des­sen Hand­lung in der Bibel in nur 22 Ver­sen geschil­dert wird. Er beschreibt Josephs Kar­rie­re im Hau­se Poti­phars und den Kon­flikt mit Poti­phars Frau, der letzt­lich eska­liert und dazu führt, dass Joseph in Ägyp­ten ins Gefäng­nis gewor­fen wird.

Joseph kommt als Skla­ve und Han­dels­wa­re der Ismaeli­ter nach Ägyp­ten, wo ihn der Haus­mei­er Mont-Kaw als Skla­ven für den Haus­halt des Poti­phar (im Roman meist Pete­prê genannt) erwirbt. Ein­ge­denk sei­nes „Todes“ und drei­tä­gi­gen „Begräb­nis­ses“ im Brun­nen, nennt sich Joseph in Ägyp­ten „Osar­siph“, „Joseph der Osi­ris“, wie nach ägyp­ti­schem Brauch die Toten ange­spro­chen wer­den. Gestor­ben ist er sei­nem alten Leben, für Vater und Fami­lie gebor­gen in der Zeit­lo­sig­keit des Todes.

Josephs Bered­sam­keit, sein Geschick und sein blen­den­des Aus­se­hen glei­cher­ma­ßen ver­hel­fen ihm rasch zum Auf­stieg. Nach dem Tode Mont-Kaws folgt er ihm im Amt des Haus­mei­ers nach. Unter Josephs geschick­ter Lei­tung gedeiht der Haus­halt und wächst der Wohl­stand Poti­phars.

Poti­phar selbst wur­de als Kind von sei­nen Eltern, dem Geschwis­ter-Eltern­paar Huij und Tuij, kas­triert. Auf die­se Wei­se wur­de ihr Sohn von dem Makel der Geschwis­ter­ehe gerei­nigt und ihm eine Kar­rie­re als Höf­ling eröff­net. Als Groß-Eunuch des Pha­ra­os einer der mäch­tigs­ten Hof­schran­zen, turm­haft von Gestalt, hoheits­voll in sei­ner Erschei­nung, ist er aber ernst und ver­schlos­sen. Wie er als Eunuch zur Ehe nur der Form nach taugt, sind auch sei­ne Hofäm­ter im Grun­de nur lee­re Titel. Von mäch­ti­gem Kör­per­bau und aus­ge­stat­tet mit präch­ti­gen Titeln, ist Poti­phar doch auf Scho­nung und Dis­kre­ti­on von Sei­ten sei­ner Umge­bung ange­wie­sen.

Frau Poti­phar, deren Namen Mut-em-Enet wir – im Gegen­satz zur Bibel – im Josephs­ro­man erfah­ren dür­fen, ist begreif­li­cher­wei­se von ihrer nicht voll­zo­ge­nen Ehe ent­täuscht. Wäh­rend drei­er Jah­re nähert sich Mut-em-Enet Josef immer offe­ner, getrie­ben von ihrem uner­füll­ten Ver­lan­gen, das immer rasen­der wird und schließ­lich unver­blümt aus­bricht. Die Geschich­te gip­felt in der bekann­ten Schlaf­zim­mer­sze­ne; Joseph flieht und lässt sein Ober­ge­wand bei Poti­phars Frau zurück.

Poti­phar ver­ur­teilt nach sei­ner Rück­kehr den fälsch­lich ange­schul­dig­ten Joseph zum Gefäng­nis. Zum zwei­ten Male fährt Joseph „in die Gru­be“.

Joseph der Ernäh­rer“ schließt die Tetra­lo­gie ab. Joseph gelingt es, den Traum des Pha­ra­os von den sie­ben fet­ten und mage­ren Kühen sowie von den sie­ben vol­len und lee­ren Korn­äh­ren zu deu­ten. In dem danach fol­gen­den Gespräch erkennt der Gott­kö­nig – in Tho­mas Manns Josephs­er­zäh­lung nimmt Ameno­phis IV./Echnaton die Rol­le Pha­ra­os ein – in Joseph einen ihm Eben­bür­ti­gen und erhöht den Gefan­ge­nen zu sei­nem Stell­ver­tre­ter. Joseph wird beauf­tragt mit dem Abga­ben­we­sen des Lan­des Ägyp­ten und des­sen Vor­rats­hal­tung.

Die Iden­ti­fi­ka­ti­on des Pha­rao im Josephs­ro­man mit Ech­na­ton ist für Tho­mas Mann erzähl­dra­ma­tur­gisch wich­tig, weil er dar­über eine Par­al­le­le zum Ein­gott­glau­ben Abra­hams und damit zum spä­te­ren jüdi­schen Mono­the­is­mus zie­hen kann.

Durch geschick­te Reor­ga­ni­sa­ti­on des Lan­des kann Joseph nicht nur aus­rei­chend Vor­rä­te sam­meln, um peri­odisch auf­tre­ten­de Hun­gers­nö­te aus­zu­glei­chen, es gelingt ihm dar­über hin­aus, den selbst­be­wuss­ten Adel dem Pha­rao zu unter­wer­fen. Als es zu einer beson­ders lang anhal­ten­den Hun­gers­not kommt, kön­nen die umlie­gen­den Völ­ker dank Josephs Vor­sor­ge auch über­le­ben. Josephs Brü­der sehen sich eben­falls gezwun­gen, nach Ägyp­ten zu kom­men, um Korn zu kau­fen. Nach eini­gem Scha­ber­nack an den ehe­mals feind­se­li­gen Brü­dern offen­bart sich der mäch­ti­ge Stell­ver­tre­ter Pha­ra­os und ver­zeiht ihnen. Jaa­kob und sein Anhang, das Volk Isra­el, darf sich im Land Gos­chen ansie­deln.

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